Natur

 guadalupe

Orangen - der Segen und seine Kehrseite

Wer von Toledo aus nach Westen in die Extremadura reist, kann sie besuchen. Die kurvige Strasse nach Der Abschnitt der spanischen Mittelmeerküste zwischen Vinaros im Norden und Sagunto im Süden wird „Costa de Azahar“, Küste der Orangenblüte, genannt. Nicht zu unrecht. Denn hier und bis hinunter in die Provinzen Alicante und Murcia erstreckt sich das grösste europäische Erntegebiet der Zitrusfrüchte.

Die Namensgebung der Orange verrät gleichzeitig ihre Wanderung durch die Kontinente in der Geschichte. Die Deutsche Bezeichnung „Apfelsine“ bedeutet der Apfel von China, dem Ursprungsland der Orange. „Naranja“, die spanische Bezeichnung kommt aus dem arabischen „nãrang“, was die bittere Orange bedeutet. In Frankreich wurde sie „pommes d‘or“, also der goldene Apfel genannt, was auf ihre orangefarbene Farbe hindeutet. Im Original sind Orangen und Mandarinen grün. Ihre orangefarbene Farbe erhalten sie erst durch die kühlen Herbstnächte in ihrem Reifeprozess.

Die Orange (citrus sinensis) ist eine Kreuzung zwischen der Mandarine und der Grapefruit. Sie stammt aus dem indochinesischen Raum und gelangte in der Zeit der Belagerung Spaniens durch die Mauren via Persien an die Mittelmeerküste. Diese Frucht war bitter und als solches nicht essbar. Ihre Schalen, Blätter und Blüten wurden als ätherische Essenz, Gewürz und Medikament genutzt. Bekannt waren die Bitterorange als Hilfsmittel gegen Magenverstimmung, fahlen Mundgeruch und Schnupfen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gelangte die süsse Orange aus dem Orient nach Südeuropa. Findige Seefahrer pflanzten die Orangenbäume entlang ihrer Routen, denn die Orange verhinderte die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut auf den Schiffen. Christoph Kolumbus brachte die Frucht auf seiner zweiten Seereise von Spanien aus nach Haiti, von dort aus gelangte sie nach Südamerika. Heute sind Brasilien und die USA die grössten Anbauländer der Welt, in Europa nimmt Spanien nach wie vor den Spitzenplatz ein.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann der Export der Orangen nach Nordeuropa. Erste gefüllte Körbe wurden auf den Segel Schaluppen von Valencia aus via Mallorca nach Frankreich transportiert. Von dort aus gelangte die Orange via Landweg in die Binnenländer Europas. Die Anbauflächen wuchsen ständig. Parallel dazu entwickelte sich die gesamte Orangen-Industrie. Die Tischler fertigten die Transportkisten an, die meist weiblichen Packerinnen legten die Früchte sorgfältig hinein und umwickelten sie mit den legendären Orangenpapieren, und die Fuster vernagelten die Kisten für den Transport. Mit der Zeit deckte die Region Valencia 80% des europäischen Marktes ab. Der grosse Segen der Orange hatte aber auch seine Kehrseite. Ausbleibender Regen und Schädlingsbefall schadeten den Monokultur-Anlagen, und billigere Orangen aus Nordafrika liessen den blühenden valencianischen Orangen Markt einbrechen. Viele Bauern gaben die Orangen Kulturen auf.

Gut zu wissen

Auf der Reise fällt mir auf, dass in den letzten Jahren die Orangenhaine wieder kultiviert werden. Zahlreiche innovative Bauern haben auf den biologischen Anbau von Zitrusfrüchten umgestellt. Auch wenn der Anteil dieser Orangen, Grapefruits, Zitronen und Mandarinen erst einen Anteil von knapp 10% ausmacht, dank ihnen überzieht im Frühling noch immer der feine Duft der Orangenblüte die Costa de Azahar.